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Wissen · Gelenkgesundheit · TCM

Rotatorenmanschettenverletzung:
Wenn die Schulter schmerzt und an Kraft verliert

Autor: Dr. Wei Changgeng·Rezension: Dr. Li Zhenjing, Dr. Bin Zhao·26. September 2026

Die Schulter ist eines der beweglichsten Gelenke des menschlichen Körpers. Beim Anheben des Arms, beim Anziehen, Kämmen oder Greifen nach Gegenständen über Kopf müssen Schultergelenk und die umgebenden Muskeln und Sehnen präzise zusammenarbeiten.

Schmerzen, Kraftverlust oder Bewegungseinschränkungen der Schulter werden häufig vorschnell als „Schulterentzündung" oder „Frozen Shoulder" bezeichnet. Eine weitere wichtige Ursache ist jedoch eine Verletzung der Rotatorenmanschette.

Dabei bedeutet eine Rotatorenmanschettenverletzung nicht automatisch, dass eine Sehne vollständig gerissen ist. Das Spektrum reicht von degenerativen Veränderungen und kleinen strukturellen Schäden bis hin zu Teil- oder vollständigen Rissen. Deshalb bedeutet die Diagnose „Rotatorenmanschettenriss" nicht automatisch, dass eine Operation notwendig ist.

1. Was ist die Rotatorenmanschette?

Die Rotatorenmanschette ist keine einzelne Muskelstruktur, sondern ein funktionelles Zusammenspiel von vier Muskeln und ihren Sehnen:

Musculus supraspinatus
Obergrätenmuskel
Musculus infraspinatus
Untergrätenmuskel
Musculus teres minor
Kleiner Rundmuskel
Musculus subscapularis
Unterschulterblattmuskel

Man kann die Rotatorenmanschette daher als ein dynamisches Stabilisierungssystem der Schulter verstehen.

Hinweis: Der M. teres major liegt unmittelbar unterhalb des M. teres minor und ist ebenfalls an Bewegungen des Schultergelenks beteiligt. Er gehört jedoch anatomisch nicht zur Rotatorenmanschette.[1]

Wenn dieses System beeinträchtigt ist, können neben Schmerzen auch folgende Beschwerden auftreten:

  • Schmerzen beim Anheben des Arms
  • Kraftverlust
  • Schwierigkeiten bei Außen- oder Innenrotation
  • Schmerzen bei bestimmten Bewegungen
  • Nächtliche Schmerzen, insbesondere beim Liegen auf der betroffenen Seite
  • Einschränkungen im Alltag oder beim Sport

2. Wie entstehen Verletzungen der Rotatorenmanschette?

Akute Verletzung

Ein Sturz auf den ausgestreckten Arm, ein plötzliches Ziehen an einem schweren Gegenstand oder eine schnelle, kraftvolle Bewegung beim Sport können zu einer akuten Verletzung führen.

„Nach genau dieser Bewegung hat die Schulter plötzlich angefangen zu schmerzen, und seitdem habe ich deutlich weniger Kraft."

Wenn nach einem Unfall oder Sturz plötzlich starke Schmerzen und insbesondere eine deutliche Schwäche beim Anheben des Arms auftreten, sollte die Schulter zeitnah medizinisch untersucht werden.

Degenerative Veränderungen

Mit zunehmendem Alter verändert sich auch die Struktur der Sehnen. Wiederholte Belastungen der Schulter, beispielsweise beim Schwimmen, Tennis oder bei Tätigkeiten mit häufigem Arbeiten über Kopf, können zusätzlich eine Rolle spielen.

Wichtige Erkenntnis

Häufig handelt es sich um ein Zusammenspiel aus altersbedingten Veränderungen + wiederholter mechanischer Belastung + individuellen Faktoren. Auch Menschen ohne wesentliche Schulterschmerzen können Veränderungen der Rotatorenmanschette aufweisen.

3. Welche Formen der Rotatorenmanschettenverletzung gibt es?

Sehnenveränderungen
Degenerative Veränderungen, Verdickungen oder verminderte Belastbarkeit, ohne eindeutigen Riss.
Teilriss
Nur einige Fasern der Sehne sind betroffen. Auch Teilrisse können unterschiedlich stark ausgeprägt sein.
Vollschichtiger Riss
Die Sehne ist über ihre gesamte Dicke durchtrennt — bedeutet aber nicht automatisch, dass sofort operiert werden muss.

4. Warum kann ein Riss vorhanden sein, ohne dass die Schulter stark schmerzt?

Bildgebende Veränderungen und Beschwerden sind nicht immer gleichbedeutend. Bei manchen Menschen zeigt ein MRT einen Riss, obwohl im Alltag kaum Beschwerden bestehen. Bei anderen können relativ geringe strukturelle Veränderungen mit erheblichen Schmerzen einhergehen.

Entscheidend ist:

• Kann der bildgebende Befund die aktuellen Beschwerden und Funktionseinschränkungen erklären?

• Wie stark sind Kraft und Beweglichkeit der Schulter tatsächlich beeinträchtigt?

5. Wie wird eine Rotatorenmanschettenverletzung behandelt?

Bei vielen Patienten – insbesondere bei chronisch-degenerativen Veränderungen und Teilrissen – kann eine konservative Behandlung ein wichtiger erster Therapieansatz sein.

Aktivität anpassen

Zunächst geht es nicht darum, die Schulter vollständig ruhigzustellen. Im Gegenteil: Eine längere Immobilisierung kann zu Muskelabbau und deutlichem Kraftverlust führen.

Das Ziel ist nicht, die Schulter so lange zu schonen, bis sie überhaupt keine Schmerzen mehr verursacht — sondern ihre Beweglichkeit und Belastbarkeit innerhalb eines sicheren Rahmens zu erhalten und schrittweise aufzubauen.

Schmerzbehandlung

Je nach Situation können Medikamente, physiotherapeutische Maßnahmen und weitere Verfahren eingesetzt werden. Bei ausgewählten Patienten kann auch eine lokale Injektion infrage kommen — Art, Dosierung und Indikation sollten individuell ärztlich beurteilt werden.

Rehabilitation und gezieltes Training

Eine gezielte Rehabilitation ist häufig ein zentraler Bestandteil der konservativen Behandlung. Typische Ziele sind:

✓ Verbesserung des Bewegungsumfangs
✓ Kontrolle der Schulterblattbewegung
✓ Kräftigung der Rotatorenmanschette
✓ Verbesserung der Koordination
✓ Wiederherstellung alltagsrelevanter Funktionen

Wenn Teile der Rotatorenmanschette bereits strukturell geschädigt sind, besteht ein weiteres Ziel darin, die noch funktionsfähigen Anteile sowie die Muskulatur des Schultergürtels gezielt zu stärken — damit diese einen größeren Anteil der Stabilisierung übernehmen können.

6. Wann kommt eine Operation infrage?

Ob eine Operation sinnvoll ist, muss individuell entschieden werden.

Entscheidend sind unter anderem:

Bildgebung + Beschwerden + Funktion + Alter und Aktivitätsniveau + Verlauf der Erkrankung

Ein Riss bedeutet nicht automatisch, dass sofort operiert werden muss. Gleichzeitig sollte eine strukturelle Verletzung auch nicht über längere Zeit ignoriert werden — größere Risse können sich unter bestimmten Umständen vergrößern und mit Muskelatrophie einhergehen.

7. Wie versteht die TCM eine Rotatorenmanschettenverletzung?

Die TCM betrachtet solche Beschwerden nicht ausschließlich anhand der Frage, welche Sehne strukturell verletzt ist. Schulterschmerzen und Bewegungseinschränkungen können in der TCM unter anderem den Bereichen Bi-Syndrom (Bi Zheng, 痹证) und Verletzungen von Muskeln und Sehnen (Jin Shang, 筋伤) zugeordnet werden.

Nach klassischer chinesischer Medizin können insbesondere nach Verletzungen oder chronischer Überlastung Störungen der Zirkulation von Qi und Blut zu Schmerzen führen. Ein klassisches Grundprinzip lautet:

„Bu tong ze tong" (不通则痛)

Was nicht frei fließt, verursacht Schmerzen.

Je nach Krankheitsverlauf können außerdem Faktoren wie Kälte, Feuchtigkeit, Blutstase oder eine unzureichende Versorgung der Sehnen eine Rolle spielen.

8. Wie kann Akupunktur bei einer Rotatorenmanschettenverletzung helfen?

Akupunktur gehört zu den häufig eingesetzten Verfahren der TCM bei Schulterschmerzen. Bei der Behandlung können abhängig von der Schmerzlokalisation, der eingeschränkten Bewegungsrichtung und der TCM-Diagnostik lokale und distale Akupunkturpunkte ausgewählt werden.

In der klassischen TCM orientiert sich die Behandlung insbesondere an den Prinzipien der Meridian- und Leitbahn-Diagnostik (Jing-Luo-Bian-Zheng). Eine primär auf Organmustern basierende Diagnostik spielt bei lokalen Beschwerden der Rotatorenmanschette in der Regel eine deutlich geringere Rolle.

Aktuelle Forschungsergebnisse:

Eine 2024 veröffentlichte Metaanalyse von 13 randomisierten Studien mit insgesamt 1.371 Patienten zeigte, dass Akupunktur allein oder in Kombination mit physiotherapeutischen Maßnahmen kurzfristig und mittelfristig Schmerzen und die Schulterfunktion verbessern kann.[5]

Diese Ergebnisse sollten vor allem als Hinweis darauf verstanden werden, dass Akupunktur eine ergänzende Behandlungsmöglichkeit innerhalb eines umfassenden Therapiekonzepts darstellen kann. Sie sind hingegen kein Beleg dafür, dass Akupunktur eine bereits gerissene Sehne strukturell wiederherstellen kann.

9. TCM und moderne Rehabilitation – kein Widerspruch

Moderne Bildgebung
Was ist strukturell mit der Sehne passiert?
Ultraschall und MRT helfen, Lage, Ausdehnung und den Zustand von Muskeln und Sehnen zu beurteilen.
Rehabilitationsmedizin
Was kann die Schulter leisten?
Wie kann die Funktion schrittweise durch gezieltes Training verbessert werden?
TCM
Wie lassen sich Beschwerden individuell beeinflussen?
Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und funktionelle Zusammenhänge aus individueller Perspektive betrachten.

Für viele Patienten geht es deshalb nicht um die Entscheidung zwischen „TCM oder westlicher Medizin", sondern um die Frage, welche Behandlung in der jeweiligen Phase sinnvoll miteinander kombiniert werden kann.

10. Wann sollte eine Schulter ärztlich untersucht werden?

Eine zeitnahe medizinische Abklärung ist insbesondere sinnvoll, wenn:

  • Nach einem Sturz oder Unfall plötzlich starke Schulterschmerzen auftreten
  • Der Arm plötzlich nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt angehoben werden kann
  • Ein deutlicher Kraftverlust auftritt
  • Die nächtlichen Schmerzen zunehmend stärker werden
  • Sich die Beschwerden trotz konservativer Behandlung über längere Zeit nicht verbessern
  • Die Beweglichkeit der Schulter zunehmend abnimmt
  • Bereits ein Rotatorenmanschettenriss festgestellt wurde und Schmerzen oder Kraftverlust deutlich zunehmen

Insbesondere nach einer akuten Verletzung mit deutlichem Kraftverlust sollte nicht einfach von einer vorübergehenden Verspannung ausgegangen werden.

Das Ziel

Verletzung richtig beurteilen → Schmerzen kontrollieren → Beweglichkeit erhalten → Kraft aufbauen → Alltagsfunktion wiederherstellen.
Für geeignete Patienten kann die TCM eine ergänzende Rolle spielen: Akupunktur, Tuina und individuell ausgewählte chinesische Arzneimittel können dazu beitragen, Beschwerden zu lindern und die funktionelle Rehabilitation zu unterstützen.

Verwandte Indikationen

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Literatur

  1. Syros A, Rizzo MG. Anatomy, Shoulder and Upper Limb, Teres Major Muscle. [Updated 2023 Apr 17]. In: StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2023 Jan-. PMID: 35593812
  2. American Academy of Orthopaedic Surgeons. Management of Rotator Cuff Injuries: Evidence-Based Clinical Practice Guideline. American Academy of Orthopaedic Surgeons; 2025. AAOS Guideline
  3. Trygonis N, Loupasis T, Hautz WE, Exadaktylos AK. Conservative management of degenerative rotator cuff tears: A systematic review of long-term clinical outcomes and cost effectiveness. J Orthop. 2026;75:232-241. DOI: 10.1016/j.jor.2026.02.040
  4. Khatri C, Ahmed I, Parsons H, et al. The Natural History of Full-Thickness Rotator Cuff Tears in Randomized Controlled Trials: A Systematic Review and Meta-analysis. Am J Sports Med. 2019;47(7):1734-1743. DOI: 10.1177/0363546518780694
  5. Zhang HN, Chen JG, Wang XY, et al. Efficacy comparison between acupuncture and other modalities in the treatment of rotator cuff diseases: meta-analysis of randomized controlled trials. Am J Transl Res. 2024;16(2):599-616. DOI: 10.62347/NCRJ1270
  6. Zeng LF, Zhang XQ, Yang WY, Liu J. Guidelines for the Diagnosis and Treatment of Rotator Cuff Tear with Integrated Traditional Chinese and Western Medicine. Combin Chem High Throughput Screen. 2024;27(15):2187-2205. DOI: 10.2174/0113862073276030231219115111