Die Wechseljahre sind eine natürliche Übergangsphase — doch wie sie sich äußert, ist für jede Frau anders.
Aus Sicht der modernen Medizin ist die Menopause eine natürliche Übergangsphase, in der sich die Funktion der Eierstöcke verändert und die Östrogenproduktion zunehmend abnimmt. Dabei können sehr unterschiedliche Beschwerden auftreten – von Hitzewallungen und Schlafstörungen bis hin zu Stimmungsschwankungen, Erschöpfung oder urogenitalen Beschwerden.
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) betrachtet diese Lebensphase aus einer anderen Perspektive. Sie fragt nicht nur: „Welches Hormon ist verändert?", sondern auch:
Welche funktionellen Veränderungen entstehen im gesamten Organismus – und warum entwickelt eine Frau gerade diese Beschwerden?
Dabei steht weniger die Diagnose „Menopause" als vielmehr das individuelle Muster der Beschwerden im Mittelpunkt.
1. Die Wechseljahre in der klassischen chinesischen Medizin
Der Begriff „Menopause" existierte in den klassischen chinesischen medizinischen Texten nicht in der heutigen Form. Dennoch wurden die körperlichen Veränderungen im höheren Lebensalter bereits sehr früh beschrieben.
Eine der bekanntesten Beschreibungen findet sich im Huangdi Neijing (黄帝内经, „Innerer Klassiker des Gelben Kaisers"), insbesondere im Kapitel Shanggu Tianzhen Lun (上古天真论). Dort wird die weibliche Entwicklung in Siebenjahreszyklen beschrieben. Für das Alter von etwa 49 Jahren heißt es:
„七七任脉虚,太冲脉衰少,天癸竭,地道不通……"
Sinngemäß: Im siebten Siebenjahreszyklus werden Ren Mai und Chong Mai schwächer, Tiangui erschöpft sich und die Menstruation kommt zum Erliegen.
Interessant ist dabei weniger die konkrete Altersangabe von 49 Jahren als das dahinterstehende Konzept.
Tiangui – ein Begriff für die reproduktive Lebensphase
In der TCM bezeichnet Tiangui (天癸) eine mit dem Nieren-Essenz-System verbundene physiologische Funktion, die Wachstum, Reifung, Menstruation und Fortpflanzungsfähigkeit beeinflusst. Mit Beginn der reproduktiven Phase wird Tiangui als aktiv beschrieben; im späteren Lebensalter nimmt diese Funktion allmählich ab.
Zwei verschiedene medizinische Modelle
Die moderne Medizin spricht von hormonellen Veränderungen und insbesondere vom Rückgang der ovariellen Funktion. Beide Modelle stammen aus unterschiedlichen medizinischen Denksystemen. Tiangui sollte daher nicht einfach mit „Östrogen" gleichgesetzt werden. In der wissenschaftlichen Literatur wird vielmehr darauf hingewiesen, dass Tiangui ein umfassenderes traditionelles Konzept darstellt.[1]
2. „Nieren-Schwäche" bedeutet in der TCM nicht automatisch eine Nierenerkrankung
Ein zentraler Begriff in der TCM bei Wechseljahresbeschwerden ist die Nieren-Leere bzw. Nieren-Schwäche (Shen Xu, 肾虚). Das kann leicht zu Missverständnissen führen.
Wichtige Unterscheidung
Wenn ein TCM-Therapeut von einer „Nieren-Schwäche" spricht, meint er nicht automatisch eine Erkrankung der anatomischen Niere im Sinne der modernen Medizin. Die „Niere" ist in der TCM ein funktionelles System, das unter anderem mit Entwicklung, Fortpflanzung, Alterungsprozessen, Flüssigkeitshaushalt und der Regulation von Yin und Yang in Verbindung gebracht wird.
Deshalb ist die Gleichsetzung „Nieren-Leere = schlechte Nierenfunktion im Bluttest" aus TCM-Sicht nicht korrekt. Es handelt sich um zwei unterschiedliche medizinische Modelle.[1]
3. Warum haben nicht alle Frauen dieselben Beschwerden?
Genau hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen einem symptomorientierten und einem TCM-orientierten Ansatz.
Manche Frauen leiden vor allem unter:
- Hitzewallungen und Nachtschweiß
- Schlafstörungen
- innerer Unruhe
- Reizbarkeit
- Erschöpfung
Andere klagen eher über:
- Kälteempfindlichkeit
- Gelenk- und Muskelschmerzen
- Müdigkeit und Antriebslosigkeit
- kalte Hände und Füße
- Zyklusveränderungen
Aus TCM-Sicht müssen diese Beschwerden nicht alle dieselbe Ursache haben. Eine häufig beschriebene Grundlage ist eine Schwächung des Nieren-Systems. Je nach individueller Konstellation können jedoch weitere funktionelle Muster hinzukommen, beispielsweise Veränderungen von Yin und Yang, eine Beteiligung von Leber, Herz oder Milz sowie Veränderungen von Qi und Blut.
Die therapeutische Frage lautet deshalb nicht:
„Welche Kräuter helfen gegen die Menopause?"
Sondern:
„Welches individuelle Muster liegt bei dieser Frau vor?"
Das ist das Prinzip der Differentialdiagnostik nach TCM-Mustern (辨证论治, Biànzhèng Lùnzhì).
4. Yin-Mangel, Yang-Mangel – warum können die Beschwerden so unterschiedlich sein?
In der TCM werden unterschiedliche Beschwerdebilder verschiedenen funktionellen Mustern zugeordnet.
Wenn ein Yin-Mangel im Vordergrund steht
können beispielsweise Hitzewallungen, Nachtschweiß, innere Unruhe, trockene Schleimhäute und Schlafstörungen im Vordergrund stehen.
Wenn ein Yang-Mangel dominiert
werden eher Kälteempfindlichkeit, Müdigkeit, reduzierte Belastbarkeit, kalte Hände und Füße oder bestimmte Formen von Flüssigkeitsregulationsstörungen beschrieben.
Wichtig: Dabei handelt es sich um TCM-Muster und nicht um biomedizinische Diagnosen. Auch deshalb kann eine standardisierte Behandlung für alle Frauen nicht unbedingt dem Grundgedanken der TCM entsprechen. Die klassische chinesische Kräutertherapie ist traditionell auf die individuelle Musterdiagnose und eine Anpassung der Rezeptur an den Verlauf ausgerichtet.
5. Wie behandelt die TCM Wechseljahresbeschwerden?
Die Behandlung richtet sich nach dem individuellen Beschwerdebild und der TCM-Diagnose. Zu den wichtigsten therapeutischen Methoden gehören:
Akupunktur
Akupunktur wird häufig eingesetzt, um verschiedene Beschwerden gleichzeitig zu beeinflussen – beispielsweise Hitzewallungen, Schlafstörungen, innere Unruhe oder Schmerzen.
Eine Metaanalyse von 12 randomisierten Studien mit insgesamt 869 Frauen fand beispielsweise eine Reduktion der Häufigkeit und Stärke von Hitzewallungen sowie Verbesserungen bestimmter menopausaler Beschwerden und der Lebensqualität.[4]
Eine weitere Umbrella-Review kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Akupunktur im Vergleich zu keiner Akupunktur mit einer Reduktion von Häufigkeit und Schwere vasomotorischer Beschwerden verbunden war. Gleichzeitig war der Unterschied gegenüber Scheinakupunktur deutlich kleiner bzw. teilweise nicht statistisch signifikant.[3]
Ehrliche Einschätzung der Evidenz
Die wissenschaftliche Evidenz spricht für einen möglichen Nutzen der Akupunktur, aber sie rechtfertigt nicht die Aussage, dass Akupunktur jede Wechseljahresbeschwerde sicher oder bei jeder Frau wirksam behandelt. Ein Teil des beobachteten Effekts könnte auch durch unspezifische Behandlungseffekte erklärt werden.
6. Chinesische Arzneitherapie
Eine zweite wichtige Säule der TCM ist die individuelle chinesische Arzneitherapie. Dabei wird nicht grundsätzlich „ein Mittel gegen Wechseljahre" verschrieben. Traditionell wird zunächst das individuelle Muster bestimmt und anschließend eine Rezeptur ausgewählt und gegebenenfalls angepasst.
Eine Cochrane-Übersicht zur chinesischen Arzneitherapie bei menopausalen Beschwerden kam zu dem Schluss, dass die vorhandenen Studien keine ausreichend zuverlässige Grundlage für eine eindeutige Aussage über Wirksamkeit und Sicherheit lieferten. Ein wesentliches Problem war unter anderem die teilweise geringe Qualität der Studien.[2]
Eine spätere systematische Übersichtsarbeit zu chinesischen Kräuterrezepturen gegen Hitzewallungen schloss 19 randomisierte Studien mit insgesamt 2.469 Teilnehmerinnen ein. Sie zeigte Hinweise auf positive Effekte, gleichzeitig bestanden erhebliche Unterschiede zwischen den untersuchten Rezepturen und Studien.[5]
Auch neuere Untersuchungen beschäftigen sich weiterhin mit einzelnen chinesischen Rezepturen. Eine 2026 veröffentlichte Metaanalyse zu Ding-Kun-Dan schloss 21 randomisierte Studien mit insgesamt 1.981 Teilnehmerinnen ein.[6]
Die Forschung zur chinesischen Arzneitherapie bei Wechseljahresbeschwerden entwickelt sich weiter – die vorhandene Evidenz sollte jedoch nicht mit einem einheitlichen Wirksamkeitsnachweis für „die chinesische Kräutermedizin" gleichgesetzt werden.
7. TCM bedeutet nicht „entweder westliche Medizin oder chinesische Medizin"
Moderne Medizin untersucht:
- Hormonveränderungen
- Blutungsstörungen
- Osteoporose-Risiko
- kardiovaskuläre Risikofaktoren
TCM betrachtet:
- Individuelle Funktionsmuster
- Zusammenspiel von Organsystemen
- Qi, Blut, Yin und Yang
- Den Verlauf der Behandlung
Diese Perspektiven müssen sich nicht zwangsläufig widersprechen. Eine Frau kann beispielsweise eine gynäkologische Abklärung, eine moderne medizinische Behandlung und gleichzeitig eine TCM-Behandlung erhalten.
Gerade bei starken, neu aufgetretenen oder unklaren Beschwerden sollte eine medizinische Abklärung erfolgen. TCM sollte eine notwendige Diagnostik oder Behandlung nicht ersetzen.
8. Der eigentliche Schwerpunkt der TCM: Individualisierung
Vielleicht lässt sich der Unterschied am einfachsten mit zwei Fragen erklären:
Standardisierte Medizin fragt:
Welches Symptom liegt vor und welche Behandlung ist dafür nach wissenschaftlichen Kriterien geeignet?
TCM fragt zusätzlich:
Wie zeigt sich dieses Symptom bei dieser konkreten Person, welche weiteren Beschwerden treten gleichzeitig auf und welches individuelle Muster ergibt sich daraus?
Und genau hier entsteht eine interessante Verbindung zu standardisierten Instrumenten wie der Menopause Rating Scale (MRS):
TCM
versucht, den individuellen Menschen zu verstehen
MRS
macht Veränderungen der Beschwerden systematisch sichtbar
Individualisierte Behandlung + standardisierte Bewertung
Beides muss kein Gegensatz sein — beides kann sich vielmehr ergänzen.
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- [1]Yu Q, et al. Traditional Chinese medicine: perspectives on and treatment of menopausal symptoms. Climacteric. 2018.
- [2]Cochrane Review: Chinese herbal medicine for menopausal symptoms. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2016.
- [3]Dodín S, et al. Management of Menopause Symptoms with Acupuncture: An Umbrella Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Alternative and Complementary Medicine. 2018.
- [4]Lee MS, et al. Effects of acupuncture on menopause-related symptoms and quality of life in women in natural menopause: a meta-analysis of randomized controlled trials.
- [5]Zhang Y, et al. Chinese herbal formulae for the treatment of menopausal hot flushes: A systematic review and meta-analysis. PLoS ONE. 2019.
- [6]Su Y, et al. Chinese herbal medicine Ding Kun Dan for menopausal syndrome: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Integrative Medicine Reports. 2026.
